Buchenwaldgedenken 2026 Predigt
Predigt des Militärdekans Thomas Funke aus Bad Reichenhall zum diesjährigen Buchenwaldgedenken, auf vielfachen Wunsch wird diese nachfolgend abgedruckt.

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Liebe Schwestern und Brüder,
dieser Ort im Buchenwald hat etwas Eigenartiges.
Er ist still. Friedlich beinahe.
Und gerade deshalb berührt er.
Denn unter dieser Ruhe liegt eine Geschichte voller Leid.
Nach der Schlacht von Hohenlinden im Jahr 1800 wurden Verwundete verschiedenster Armeen nach Baumburg gebracht. Das Kloster wurde Lazarett. Dann kam der Typhus. Viele starben nicht mehr durch Kugeln oder Waffen, sondern an Krankheit, Erschöpfung, Angst und Elend. Man begrub sie hier im Wald — oft namenlos, ohne große Zeremonie, ohne dass noch jemand genau wusste, wer sie waren.
Und vielleicht ist das das Erste, was man an einem solchen Ort lernt:
Am Ende bleibt vom Menschen nicht die Uniform. Sondern seine Verletzlichkeit.
Wer einmal Soldaten wirklich begegnet ist, weiß das.
Ich durfte als Militärpfarrer Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan, Mali und Niger begleiten. Dort lernt man schnell, dass vieles von dem, was Menschen über Militär denken — im Positiven wie im Negativen — zu einfach ist.
Denn Soldaten sind keine Figuren aus politischen Debatten. Es sind Menschen.
Menschen, die Heimweh haben.
Menschen, die Verantwortung tragen.
Menschen, die Angst kennen.
Menschen, die nachts wachliegen.
Menschen, die Entscheidungen treffen müssen, bei denen es nie nur Schwarz oder Weiß gibt.
Und ich habe dort eines erlebt, das in unseren Diskussionen manchmal zu wenig vorkommt:
Die allermeisten dienen nicht aus Begeisterung für Gewalt. Sondern aus der Überzeugung heraus, dass Frieden, Freiheit und Menschenwürde geschützt werden müssen.
Gerade wir in Deutschland wissen doch: Demokratie ist nicht selbstverständlich. Menschenrechte sind nicht selbstverständlich. Frieden ist nicht selbstverständlich.
Das Evangelium heute sagt: > „Frieden hinterlasse ich euch; meinen Frieden gebe ich euch.“
Dieser Friede Christi ist kein billiger Friede. Kein Wegschauen. Kein „Es wird schon irgendwie gut werden“.
Manchmal braucht Frieden Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die sich schützend vor andere stellen. Menschen, die für Recht und Freiheit einstehen — auch unter persönlichem Risiko.
Darum ist es richtig, heute auch den Dienst unserer Streitkräfte zu würdigen.
Nicht jede politische Entscheidung war richtig. Nicht jeder Einsatz war erfolgreich. Auch das gehört zur Wahrheit.
Aber wer mit Soldatinnen und Soldaten unterwegs war, lernt Demut vor ihrem Dienst. Ich erinnere mich an Gespräche in Afghanistan. Junge Männer und Frauen aus Deutschland, die abends fragten: „Hoffentlich machen wir hier wirklich etwas besser.“ Nicht Zynismus. Nicht Abenteuerromantik. Sondern die ehrliche Sorge, Menschen zu schützen. Und ich erinnere mich an einen Satz eines Soldaten in Mali. Er sagte: „Herr Pfarrer, Frieden merkt man eigentlich erst, wenn er fehlt.“
Das klingt schlicht. Aber vielleicht steckt darin große Wahrheit. Wir leben in Europa seit Jahrzehnten in einem Frieden, den viele fast für selbstverständlich halten. Doch Frieden wächst nicht von allein. Darum passt das Wort auf dem Plakat dieses Jahres so gut: > „Der Friede ist ein Baum, der eines langen Wachstums bedarf.“ Ein Baum wächst langsam. Und seine Wurzeln sieht man nicht. Zu diesen Wurzeln gehören viele:
* Menschen, die Versöhnung leben,
* Familien, die Werte weitergeben,
* eine Gesellschaft, die Menschlichkeit bewahrt,
* aber eben auch Frauen und Männer, die bereit sind, unsere freiheitliche Ordnung zu schützen.
Gerade deshalb ist dieser Ort hier wichtig. Denn er bewahrt uns vor zwei Irrtümern gleichzeitig: vor der Verherrlichung des Krieges — und vor der Naivität gegenüber dem Bösen.
Die Kreuze im Buchenwald sagen uns: Krieg ist immer eine Wunde der Menschheit. Aber sie sagen nicht: Verantwortung sei überflüssig. Im Gegenteil: Die Erinnerung an das Leid verpflichtet uns, alles zu tun, damit Freiheit, Recht und Menschenwürde nicht verlorengehen. Und vielleicht ist das der Gedanke, den wir heute mitnehmen dürfen:
Frieden ist nicht nur ein Geschenk. Frieden ist auch ein Auftrag. Ein Auftrag an Politiker. An Familien. An die Kirche. An die Gesellschaft. Und auch an jene, die in Uniform dienen.
Möge Gott allen Verstorbenen ihren Frieden schenken. Möge er die segnen, die heute Verantwortung tragen. Und möge er in uns allen die Kraft wachsen lassen, den Frieden zu hüten – geduldig, mutig und menschlich.
Amen